Fokusthema Weiterbildung
Weiterbildung wird angesichts des technologischen Wandels und sich verändernder Arbeitsanforderungen immer wichtiger. Das WIFI-Weiterbildungsbarometer 2024 zeigt, dass 85 % der befragten Unternehmer:innen Weiterbildung für wichtig oder sehr wichtig halten. (Wifi) Gleichzeitig geben viele Beschäftigte an, dass sie zusätzliche Kompetenzen benötigen, um den Anforderungen der modernen Arbeitswelt gerecht zu werunvonden.
Ein zentraler Referenzrahmen im Gewerbe und Handwerk ist die duale Ausbildung: Durch die Verbindung von Lernen im Betrieb und in der Berufsschule ermöglicht sie die Entwicklung qualifizierter Fachkräfte. Darauf aufbauend bieten Meister- und Befähigungsprüfungen sowie neu nach dem Bundesgesetz über die höhere berufliche Bildung geschaffene Qualifikationen formale Wege zur Weiter- und Höherqualifizierung.
Daneben ist kontinuierliche Weiterbildung ein Muss – für Betriebe und Fachkräfte, die mit laufend steigenden Anforderungen konfrontiert sind. Digitale Kompetenzen entfalten insbesondere dann Wirkung, wenn sie im Betrieb tatsächlich ankommen und angewendet werden. Voraussetzung dafür ist ein systematischer Erwerb, der in bestehende Ausbildungs- und Weiterbildungswege eingebettet ist – von der Lehre über betriebliche Weiterbildung bis zu aufbauenden Qualifikationen. Dabei umfasst Weiterbildung nicht nur digitale Fähigkeiten, sondern auch Fachwissen, soziale Kompetenzen und Anpassungsfähigkeit.
Unternehmen profitieren von qualifizierten Mitarbeiter:innen durch mehr Innovationskraft, Anpassungsfähigkeit und gesteigerte Produktivität. Für Beschäftigte verbessern sich Karrierechancen und Jobperspektiven. Weiterbildung ist somit ein Schlüssel für nachhaltige Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit.
Die Sparte Gewerbe und Handwerk
Die Sparte Gewerbe und Handwerk bildet das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft. Rund 233.000 Unternehmen, also etwa 44 Prozent aller Betriebe im Land, gehören dieser Sparte an. Gemeinsam beschäftigen sie rund 800.000 Personen, darunter etwa 45.000 Lehrlinge, was über die Hälfte aller Lehrlinge in Österreich ausmacht. Mit einem Anteil von 23,3 Prozent am Bruttoinlandsprodukt ist die Branche ein zentraler Träger von Wertschöpfung, Beschäftigung und Ausbildung.
Die aktuellen Herausforderungen sind jedoch deutlich spürbar: Nach einem Umsatzrückgang von 0,3 Prozent im Jahr 2024 und einer realen Schrumpfung von 4,5 Prozent zeigen sich Investitionszurückhaltung und steigende Kostenbelastungen. Nur 40 Prozent der Betriebe tätigten 2024 Investitionen, der niedrigste Wert seit 2019. Gleichzeitig verursachen Bürokratieaufwände von rund 70 Millionen Arbeitsstunden und 4,3 Milliarden Euro jährlich eine erhebliche Belastung, während die Betriebe dennoch einen stabilen Personalbedarf aufrechterhalten.
Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Phasen ist Weiterbildung ein Stabilitätsfaktor: Sie hilft, Produktivität zu sichern, Prozesse effizienter zu gestalten und Betriebe für die nächste Wachstumsphase qualifikatorisch vorzubereiten.
Relevante Problemstellung
Ziel der BOLD UnConference ist es, für die österreichische Wirtschaft relevante Themen zu bearbeiten und durch innovative Lösungsansätze echten Mehrwert zu schaffen. Internationale BOLD Minds aus verschiedenen Branchen bringen ihre Expertise ein und erarbeiten gemeinsam mit Vertreter:innen der österreichischen Industrie Impulse und Lösungen für die großen Herausforderungen.
Auf Basis von Marktrecherchen, aktuellen Daten und Gesprächen mit Unternehmer:innen sowie Expert:innen wurde eine Problemstellung formuliert, die im Rahmen der BOLD UnConference bearbeitet wurde.
Das Gewerbe und Handwerk sieht sich aktuell mit einer rückläufigen Umsatzentwicklung konfrontiert, die Unternehmen unter Druck setzt und Investitionen erschwert. Hinzu kommt eine hohe Bürokratiebelastung, die jährlich einen erheblichen Aufwand an Arbeitsstunden und finanziellen Ressourcen verursacht und die Flexibilität der Betriebe einschränkt. Gleichzeitig beeinflussen steigende Rohstoffpreise sowie geopolitische Unsicherheiten wie beispielsweise Handelskonflikte und Zölle die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und erhöhen den Wettbewerbsdruck.
Darüber hinaus wirken Fachkräftemangel und demografische Veränderungen als zusätzliche Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund wird die gezielte Erweiterung der digitalen Kompetenzen der Beschäftigten zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor, um sich an die Anforderungen der modernen Arbeitswelt anzupassen und langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Weiterbildung ist nicht nur eine Antwort auf technologische Entwicklungen, sondern auch ein Schlüssel, um Innovation und nachhaltiges Wachstum im Gewerbe und Handwerk zu fördern.
Daraus abgeleitet wurde im Rahmen der BOLD UnConference an folgender Problemstellung gearbeitet:
„Wie können wir in Gewerbe und Handwerk durch weiterbildende Maßnahmen die digitalen Kompetenzen der Beschäftigten erweitern und fördern?“
Lösungsansätze und Impulse
Die gezielte Erweiterung digitaler Kompetenzen der Mitarbeiter:innen ist für Betriebe im Gewerbe und Handwerk essenziell, um den aktuellen Herausforderungen wie Fachkräftemangel, Digitalisierung und Wettbewerbsdruck zu begegnen. Dabei sind sowohl praxisnahe, kurzfristig umsetzbare Lösungen als auch visionäre Ansätze, die langfristig nachhaltige Veränderungen ermöglichen, wichtig.
8 Praxisnahe Lösungsansätze und Impulse
Im Gewerbe und Handwerk können Unternehmen bereits heute auf vielfältige und praxisorientierte Weiterbildungsangebote zurückgreifen, die flexibel, kosteneffizient und zielgerichtet die digitalen Kompetenzen der Beschäftigten fördern:
- Bestehende Angebote nutzen & kombinieren: z. B. wîse up (virtuelle Lernplattform) und WIFI-Angebote sowie weitere WKO-Weiterbildungsformate als Basis - ergänzt um betriebsnahe digitale Lernbausteine.
- Modulare Online-Weiterbildung: Flexibel gestaltete E-Learning-Module (asynchron) und ergänzende Live-Webinare ermöglichen den Mitarbeiter:innen, ortsunabhängig und – bei Selbstlernmodulen – auch zeitflexibel Wissen zu erwerben und digitale Fähigkeiten gezielt auszubauen.
- KI-gestützte, personalisierte Lernpfade: Einsatz von Künstlicher Intelligenz, um individuelle Weiterbildungspläne zu erstellen, die exakt auf den Kenntnisstand, die Lernpräferenzen und die beruflichen Ziele der Mitarbeiter:innen zugeschnitten sind. So wird Lernen effizienter, motivierender und nachhaltiger.
- Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) Trainings: Immersive, realitätsnahe Trainingsmodule, in denen Handwerker:innen digitale Kompetenzen in sicherer Umgebung und mit direktem Praxisbezug erlernen können. So lassen sich komplexe technische Fertigkeiten effizienter, standardisiert und niederschwelliger vermitteln – auch standortübergreifend und mit klar vergleichbaren Trainingsinhalten.
- Microlearning via mobile Apps: Kleine, hochkonzentrierte Lerneinheiten, die direkt am Arbeitsplatz über Smartphones abrufbar sind und flexibel in den Arbeitsalltag integriert werden können. Geeignet für die schnelle Auffrischung von Wissen oder das Kennenlernen neuer digitaler Tools.
- Just-in-Time Learning per Smart Glasses: Direkte Anleitung und Hilfestellung im Arbeitsprozess durch Datenbrillen verbessern die Effizienz und Fehlervermeidung.
- Gamifizierte Lernplattformen zur Motivation: Durch spielerische Elemente wie Punkte, Levels und Challenges wird das Lernen attraktiver und interaktiver und unterstützt eine nachhaltige Wissensvermittlung.
Die hier genannten neuen Lernformate verstehen sich als Ergänzung und Weiterentwicklung - nicht als Ersatz bestehender Qualifizierungsstrukturen.
Zusätzlich sind aktuelle gesetzliche und strukturelle Rahmenbedingungen zur bedarfsorientierten Transformation bei der Einordnung von Qualifizierungswegen mitzudenken. Zugleich ist zu berücksichtigen, dass viele der genannten digitalen Lernformate in kleinteilig strukturierten Betrieben – in denen Mitarbeiter:innen häufig mobil bzw. auf Baustellen im Einsatz sind – nur eingeschränkt nutzbar sind und daher besonders praxistauglich (kurz, modular, offline-/mobilfähig) gestaltet werden müssen.
Visionäre Lösungsansätze und Impulse
Die folgenden Zukunftsbilder sind Szenarien, die im Workshop entwickelt wurden, um Denk- und Entwicklungsräume sichtbar zu machen. Im Rahmen der BOLD UnConference 2025 haben nationale und internationale BOLD Minds gemeinsam mit Vertreter:innen der österreichischen Wirtschaft Zukunftsbilder und visionäre Lösungsansätze für die Weiterbildung im Gewerbe und Handwerk entwickelt.
Wie wird Weiterbildung im Gewerbe und Handwerk im Jahr 2040 aussehen? Welche neuen Lernformate, Technologien und Organisationsmodelle werden den Arbeitsalltag prägen?
Im Jahr 2040 ist das Handwerk digitalisiert, vernetzt und auf datenbasierte Prozesse ausgerichtet – mit Automatisierung, wo sie sinnvoll ist, und einem klaren Fokus auf Qualität, Personalisierung und schnelle Lieferung. Kund:innen erwarten ganzheitliche Erlebnisse statt einmaliger Käufe, wodurch Handwerksbetriebe ihr Leistungsangebot entlang der gesamten Wertschöpfungskette erweitern. Neue Lernformate wie Mixed Reality, KI-gestützte Trainings und praxisnahe Weiterbildung ermöglichen das nötige Up- und Reskilling, um diese anspruchsvollen, erlebnisorientierten Dienstleistungen effizient und individuell zu gestalten.
Wie wird ein Unternehmen im Gewerbe und Handwerk im Jahr 2040 aufgestellt sein? Welches Wertangebot kann es Beschäftigten und Kund:innen bieten?
Im Jahr 2040 kombinieren Handwerksbetriebe digitale Showrooms mit physischer Erfahrung und schaffen so personalisierte Kundenerfahrungen. Ihr Serviceangebot erstreckt sich über mehrere Schritte der Wertschöpfung – von Design und Beratung bis zur individuellen Umsetzung – wodurch sie sich von reinen Produzenten zu ganzheitlichen Dienstleistern entwickeln. Die zunehmende Automatisierung der Produktion macht kontinuierliches Up- und Reskilling unerlässlich, während menschliche Kreativität, emotionale Beratung und digitale Präzision das neue Qualitätsmerkmal des modernen Handwerks bilden.
Wie kann ein/e Unternehmer:in dieses Wertangebot bis zum Jahr 2040 zusammenstellen? Welche Kompetenzen, Technologien und Partnerschaften werden dafür benötigt?
Bis 2040 gelingt es Handwerksbetrieben, durch gezielte Weiterbildung, Kooperation und Technologieneinsatz das Handwerk als attraktiven, zukunftssicheren Berufs- und Wirtschaftsbereich zu stärken. Entscheidend sind neue Kompetenzen in Digitalisierung und datenbasierten Prozessen sowie der Aufbau starker Netzwerke zwischen Bildung, Wirtschaft und Kund:innen. Gleichzeitig bleiben Qualität, Verlässlichkeit und handwerkliche Exzellenz zentrale Differenzierungsmerkmale – ergänzt um digitale Präzision und effiziente Abläufe. Eine zentrale Rolle spielen zudem neue Formen gemeinschaftlicher Organisation: Handwerker:innen schließen sich in Communities zusammen, um Wissen, Aufträge und vor allem hochmoderne, kostspielige State-of-the-Art-Maschinen gemeinsam zu nutzen, um individualisierte Produkte in hoher Qualität und Geschwindigkeit zu fertigen – ohne die finanziellen Hürden teurer Einzelanschaffungen. Unterstützt wird diese Entwicklung durch IoT, KI-gestützte Planung, digitale Lernplattformen und Partnerschaften mit Schulen, Verbänden und Technologieanbietern.
Abstimmung & Einordnung innerhalb der WKO
Für Veröffentlichungen mit bildungspolitischer Relevanz erfolgt eine fachliche Einordnung und Abstimmung mit den zuständigen Stellen (bildungspolitische Abteilung, Bundessparte). So stellen wir sicher, dass Impulse aus der Community konsistent mit bestehenden Instrumenten und Rahmenbedingungen dargestellt werden.
Conclusio & Ausblick
Gezielte und kontinuierliche Weiterbildung ist im Gewerbe und Handwerk ein zentraler Erfolgsfaktor, um wirtschaftlichen Unsicherheiten, technologischem Wandel und steigenden Anforderungen flexibel begegnen zu können. Unternehmen, die heute in die digitalen Kompetenzen ihrer Mitarbeiter:innen investieren, schaffen die Basis für Innovationskraft, Produktivität und nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit. Moderne Lernformate wie digital gestützte Trainings oder individuell zugeschnittene Weiterbildungsangebote ermöglichen es, dem Druck von Fachkräftemangel und hohen Kosten entgegenwirken zu können.
Gleichzeitig braucht es Offenheit für neue Wege. Der Einsatz innovativer Technologien wie Physical AI eröffnet Möglichkeiten, die weit über klassische Lernmodelle hinausreichen und praxisnahe Qualifizierung direkt am Arbeitsplatz ermöglichen. Kritisch bleibt die Frage, wie alle Betriebe unabhängig von Größe oder Ressourcen Zugang zu zeitgemäßer Weiterbildung erhalten und niemand zurückgelassen wird.
Insgesamt zeigen die dargestellten Ansätze, dass die Verbindung von innovativen Lernmethoden, Technologie und einer offenen Unternehmenskultur einen klaren Mehrwert für Beschäftigte und Betriebe schafft. So kann der Wandel im Gewerbe und Handwerk nicht nur bewältigt, sondern auch aktiv gestaltet werden.

