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Wir sind BOLD Perspektiven Handel

Kreislaufwirtschaft & Neue Materialien im Handel

Kreislaufwirtschaft & Neue Materialien im Handel

"Wie können wir im Handel durch neue Produkte und Geschäftsmodelle eine nachhaltige Wertschöpfungskette und geschlossene Materialkreisläufe vorantreiben?" - dieser Problemstellung widmeten sich internationale BOLD Minds mit lokalen Teilnehmer:innen aus Salzburg, Tirol und Vorarlberg, um ein Zukunftsbild zu schaffen und Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Fokusthema Kreislaufwirtschaft & neue Materialien

Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Materialien gewinnen stark an Bedeutung. Ziel ist der Wandel von einem linearen Wirtschaftsmodell hin zu einem ressourcenschonenden, zirkulären Ansatz, der ökologische Vorteile wie beispielsweise weniger Abfall und reduzierte Emissionen mit ökonomischen Chancen verbindet. Im Herstellungsprozess fließen recycelbare, recycelte, biobasierte und innovative Materialien von Beginn an ins Produktdesign ein. 

Darüber hinaus können durch verstärktes Recycling, Wiederverwendung und nachhaltige Materialwahl Importabhängigkeiten verringert und Versorgungssicherheit gestärkt werden. Neue Geschäftsmodelle wie Refurbishing, Sharing-Plattformen oder servicebasierte Angebote eröffnen zusätzliche Einnahmequellen und erhöhen die Resilienz gegenüber globalen Lieferkettenrisiken. 

Die Kreislaufwirtschaft hierzulande erzielt bereits heute über 4 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und umfasst rund 49.000 Arbeitsplätze. Österreich gehört mit einer Recyclingquote von 62,5 Prozent zu den EU-Vorreitern (weitere Informationen finden Sie hier). 

Obwohl in den letzten Jahren schon große Fortschritte erzielt wurden, bestehen weiterhin Herausforderungen beim Recycling komplexer Materialien. Regulatorische Anreize, technologische Innovationen und wachsendes Nachhaltigkeitsbewusstsein eröffnen große Chancen, Österreichs Position als Vorreiter im Bereich Zirkularität auszubauen. Hemmnisse könnten allerdings durch komplexe Lieferketten, Materialbeschaffenheiten, zunehmende Bürokratie und hohe Energiepreise entstehen.

© BOLD Community

Die Sparte Handel

Der Handel zählt zu den wichtigsten Wirtschaftssektoren Österreichs und ist ein zentraler Motor für Beschäftigung, Wertschöpfung und Versorgung. 2024 erzielte die Branche einen nominalen Nettoumsatz von rund 296 Milliarden Euro. Rund zwei Drittel (66,5 %) der Handelsumsätze werden von kleinen und mittleren Unternehmen (unter 250 Beschäftigten) erzielt, während Großunternehmen 33,5% beisteuern. Über ein Drittel der Handelsunternehmen verkauft Waren auch über digitale Kanäle wie Websites, Apps oder Online-Marktplätze.

Aktuelle Herausforderungen

Die Branche steht jedoch vor anhaltenden Herausforderungen. Eine hohe Inflation hat die Kaufkraft der Haushalte geschwächt und zu rückläufigen realen Umsätzen geführt, auch wenn sich 2025 erstmals wieder ein leichtes Plus abzeichnet. Zudem belasten steigende Betriebs-, Personal-, Energie- und Logistikkosten die Ertragslage vieler Unternehmen und erfordern effiziente, innovative Geschäftsstrategien. 

Relevante Problemstellung 

Ziel der BOLD UnConference ist es, für die österreichische Wirtschaft relevante Themen zu bearbeiten und durch innovative Lösungsansätze echten Mehrwert zu schaffen. Internationale BOLD Minds aus verschiedenen Branchen bringen ihre Expertise ein und erarbeiten gemeinsam mit Vertreter:innen der österreichischen Wirtschaft Impulse und Lösungen für die großen Herausforderungen. 

Auf Basis von Marktrecherchen, aktuellen Daten und Gesprächen mit Unternehmer:innen sowie Expert:innen wurde eine Problemstellung formuliert, die im Rahmen der BOLD UnConference bearbeitet wurde. 

Der österreichische Handel ist ein zentraler Motor für Wertschöpfung, Beschäftigung und Versorgung. Gleichzeitig steht er unter hohem Transformationsdruck. Inflation und gestiegene Lebenshaltungskosten schwächen die Kaufkraft, während höhere Energie-, Personal- und Logistikkosten die Margen belasten. Eine angespannte Umsatzsituation in weiten Teilen des Einzel- und Großhandels und veränderte Konsumgewohnheiten prägen das Marktumfeld. 

Hinzu kommen internationale Wettbewerbsfaktoren: globale Lieferketten bleiben aufgrund der geopolitischen Herausforderungen anfällig, neue Regulierungen zur Nachhaltigkeit erfordern Investitionen in zirkuläre Ansätze und die Etablierung von Rücknahmesystemen. Die Kundenerwartungen verändern sich rasant – Transparenz über Herkunft, Material und CO₂-Fußabdruck wird ebenso nachgefragt wie flexible, ressourcenschonende Einkaufserlebnisse. Gleichzeitig sind Kund:innen in Österreich sehr preissensibel und kaum gewillt, für nachhaltige Produkte mehr auszugeben.  

Vor diesem Hintergrund ergibt sich die zentrale Fragestellung

Wie können wir im Handel durch neue Produkte und Geschäftsmodelle eine nachhaltige Wertschöpfungskette und geschlossene Materialkreisläufe vorantreiben?

Lösungsansätze und Impulse 

Um den Herausforderungen des Handels zu begegnen und die Potenziale der Kreislaufwirtschaft zu nutzen, braucht es sowohl kurzfristig umsetzbare als auch langfristig visionäre Maßnahmen. Ziel ist es, praxisnahe Innovationen einzuführen, die zeitnah Wirkung zeigen, und gleichzeitig strategische Weichen zu stellen, um den Handel nachhaltig und wettbewerbsfähig in die Zukunft zu führen. 

Praxisnahe Lösungsansätze und Impulse

Kurzfristig umsetzbare Maßnahmen können helfen, den Handel schnell nachhaltiger und effizienter zu gestalten, ohne lange Umsetzungsprozesse abzuwarten. Dabei stehen innovative Konzepte und Technologien im Fokus, die bestehende Strukturen aufwerten und direkt messbare Effekte erzielen. 

  • Materialtracking durch digitale Produktpässe: Softwaregestützte Systeme erfassen Materialdaten bereits in der Produktion und speichern sie in einem digitalen Pass, der über QR-Codes oder Blockchain verfügbar ist. So lassen sich Rücknahmeprozesse automatisieren, Recyclingpartner einbinden und Kund:innen transparent informieren.
  • On-Demand-Produktion: Vermeidung von Überproduktion durch bedarfsgerechte Fertigung nach Bestellung, unterstützt durch digitale und automatisierte Planungs-, Bestell- und Fertigungssysteme.
  • Mehrweg- und Refillsysteme im stationären Handel: Integration von Nachfüllstationen für alltägliche Produkte wie Reinigungsmittel oder Lebensmittel, um Verpackungsmüll zu reduzieren.
  • Reparatur- und Wiederverkaufsstationen im Geschäft: Integrierte Bereiche in stationären Handelsflächen, in denen Kund:innen Produkte reparieren lassen oder gebrauchte Waren weiterverkaufen können. Dies verlängert Produktlebenszyklen, steigert Kundenbindung und schafft neue Umsatzströme.
  • Kombination aus Verleih-, Reparatur- und Ankaufservices: Händler können neben dem Verkauf auch saisonale Mietangebote, Reparaturleistungen und Rückkaufprogramme anbieten, um Produkte mehrfach im Kreislauf zu halten und Kunden langfristig zu binden.

Visionäre Lösungsansätze und Impulse

Im Zuge der BOLD UnConference 2025 wurden gemeinsam von nationalen und internationalen BOLD Minds sowie österreichischen Unternehmensvertreter:innen ein Zukunftsbild der Handelssparte gezeichnet und damit verbunden visionäre Lösungsansätze und Impulse erarbeitet.  

Wie wird der Handel im Jahr 2040 aussehen? Mit welchen Zukunftsrealitäten werden Händler im Jahr 2040 konfrontiert sein?

Im Jahr 2040 prägen personalisierte, auf Abruf produzierte und kreislauffähige Produkte den Handel, während neue Technologien wie KI, AR/VR und 3D-Druck individuelle, nachhaltige Einkaufserlebnisse ermöglichen. Gleichzeitig verändern Ressourcenknappheit, demografischer Wandel und neue Geschäftsmodelle wie Pay-per-Use oder Service-Abonnements die Wettbewerbslandschaft hin zu stärkerer Zusammenarbeit, lokaler Produktion und geteiltem Konsum. 

Wie wird ein Handelsunternehmen in Österreich im Jahr 2040 aussehen? Welches Wertangebot kann ein Unternehmen bieten?

Im Jahr 2040 bieten Handelsunternehmen ein kuratiertes, zirkuläres Ökosystem, das digitale Bequemlichkeit mit haptischen, emotionalen Erlebnissen im physischen Raum verbindet. Kundinnen und Kunden erleben Marken als vertrauenswürdige Partner, die durch Reparaturservices, Sharing-Modelle und transparente Storytelling-Formate nachhaltigen Konsum, soziale Verbundenheit und individuelle Identität fördern.

Wie kann ein/e Unternehmer:in dieses Wertangebot bis zum Jahr 2040 zusammenstellen? Welche Kompetenzen, Technologien und Partnerschaften werden dafür benötigt?

Bis 2040 muss ein Handelsunternehmen mit klar fokussiertem Angebot agieren, lokale Netzwerke stärken und Gemeinschaft sowie Identität fördern. Dafür braucht es digitale Kompetenz, Produktwissen und Veränderungsfähigkeit, gestützt durch Technologien wie digitale Produktpässe, VR/AR und transparente Rückverfolgung. Erfolgsentscheidend sind Partnerschaften entlang der lokalen Lieferkette, mit Bildung, Logistik und Finanzakteuren, die zirkuläre Geschäftsmodelle ermöglichen.

Conclusio und Ausblick

Die Kreislaufwirtschaft und der Vertrieb von Produkten aus neuen Materialien sind für den Handel in Österreich nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein strategisch-ökonomisches Zukunftsthema. Die Potenziale reichen von geringerer Importabhängigkeit und gesteigerter Versorgungssicherheit bis hin zu völlig neuen Geschäftsmodellen, die auf Wiederverwendung, Recycling und nachhaltigen Innovationen  basieren. 

Gleichzeitig steht die Branche vor der Herausforderung, bestehende Strukturen und Lieferketten so anzupassen, dass sie geschlossene Materialkreisläufe ermöglichen. Hohe Energiepreise, begrenzte Recyclingkapazitäten für bestimmte Materialarten und teilweise komplexe regulatorische Rahmenbedingungen erschweren diesen Wandel. Wer jedoch zu lange zögert, riskiert, dass internationale Wettbewerber mit innovativen Lösungen den Markt besetzen und die heimischen Anbieter in eine reaktive Position drängen. 

Trotz dieser Hürden bietet der Übergang zur Kreislaufwirtschaft für Handelsunternehmen enorme Chancen, ihr Markenimage zu stärken, Kundenbindung durch nachhaltige Produkte zu erhöhen und langfristig resilientere Geschäftsmodelle zu etablieren. Entscheidend wird sein, dass Unternehmen den Wandel aktiv gestalten, Partnerschaften in Wertschöpfungsnetzwerken aufbauen und technologische Innovationen konsequent einsetzen. So kann der österreichische Handel nicht nur seine Wettbewerbsfähigkeit sichern, sondern auch eine führende Rolle im internationalen Nachhaltigkeitswettbewerb übernehmen. 

Weiterführende Ressourcen

Weiterführende Ressourcen die Unternehmen am Weg in die Zukunft helfen können.



Digital Innovation Hubs

Die Digital Innovation Hubs (DIH) bieten praktische Unterstützung bei Digitalisierungsvorhaben u.a. durch Module für Weiterbildung. 



Austrian Cooperative Research (ACR)-Insitute

Das Austrian Cooperative Research (ACR)-Institute unterstützen Unternehmen – insbesondere KMU – bei ihren Fragen rund um Produkt- und Geschäftsmodellinnovationen, nachhaltige Wertschöpfungsketten und Materialkreisläufe. 

 

Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG)

Der FFG-Innovationsscheck hat zum Ziel, KMU den Einstieg in eine kontinuierliche Forschungs- und Innovationstätigkeit zu ermöglichen.

 

Innovationsimpulse aus der Innovation Map 

Technologien aus der Innovation Map zeigen, wie neuartige Materialien und Produktionsmethoden den Handel in Richtung Kreislaufwirtschaft transformieren können und gleichzeitig neue Wertschöpfungspotenziale eröffnen. 

Insektenbasierte Bioplastik 

Insektenbasierte Bioplastik ist eine nachhaltige Alternative zu erdölbasierten Kunststoffen. Sie wird aus Nebenprodukten der Insektenzucht gewonnen, wie beispielsweise Chitin aus den Schalen bestimmter Insektenarten, und zu biologisch abbaubaren Polymeren verarbeitet. Für den österreichischen Handel bietet diese Technologie die Chance, Verpackungen und Produkte mit deutlich geringerer Umweltbelastung zu entwickeln.

Biokunststoffe auf Insektenbasis

Insektenbasiertes Bioplastik ist lokal produzierbar, kompostierbar und reduziert die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen. Es eignet sich besonders für nachhaltige Lebensmittelverpackungen oder Versandmaterialien und ermöglicht Handelsunternehmen, ihre Nachhaltigkeitsziele schneller zu erreichen und sich klar als Vorreiter zu positionieren.  

Mehr zu dieser und weiteren Technologien findet man auf der Website der Innovation Map