© Toni Eskelinen

Wir sind BOLD Perspektiven Industrie

Klimaneutrale und erneuerbare Energie in der Industrie

Klimaneutrale und erneuerbare Energie in der Industrie

Wie können wir in der Industrie durch Elektrifizierung und die Integration grüner Energie eine klimaneutrale Produktion realisieren, ohne Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit zu gefährden? - dieser Problemstellung widmeten sich internationale BOLD Minds mit lokalen Teilnehmer:innen aus Salzburg, Tirol und Vorarlberg, um ein Zukunftsbild zu schaffen und Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Fokusthema Klimaneutrale und erneuerbare Energie

Der Übergang zu klimaneutraler Energie und die Elektrifizierung industrieller Prozesse zählen zu den zentralen Transformationsaufgaben der kommenden Jahre. Sie sollen nicht nur Emissionen senken, sondern auch Versorgungssicherheit stärken und neue Wertschöpfungsketten schaffen. Noch immer stammen rund 60 Prozent des Energieverbrauchs in Österreich aus fossilen Quellen, während der Strommix bereits zu 87,5 Prozent erneuerbar ist, vor allem aus Wasserkraft, Wind und Photovoltaik. (Statistik Austria, Energiebilanzen 2024, BMIMI Infothek, Erneuerbaren-Anteil bei Strom)

Die Umstellung erfordert jedoch massive Investitionen in Erzeugung, Netze und Speicher. Zwischen 2024 und 2040 werden dafür bis zu 178 Milliarden Euro veranschlagt, allein 24 Milliarden bis 2030 in die Verteilnetze. (Quelle: Institut für Höhere Studien, Gesamtwirtschaftlicher Investitionsbedarf in Österreich zur Erreichung der Klimaziele 2024).

Parallel dazu entstehen innovative Projekte wie Floating-PV-Anlagen oder saisonale Speicher auf Basis von grünem Wasserstoff, die verdeutlichen, wie Erzeugung, Speicherung und Digitalisierung ineinandergreifen. Solche Lösungen stärken zugleich Versorgungssicherheit und Dekarbonisierung und eröffnen damit nicht nur ökologische Chancen, sondern auch neue Perspektiven für die Wettbewerbsfähigkeit österreichischer Unternehmen.

© BOLD Community

Die Sparte Industrie 

Die Industrie ist fest in der österreichischen Wirtschaftsstruktur verankert. Mehr als 450.000 Menschen sind in industriellen Unternehmen beschäftigt, die eine Exportquote von rund 66 Prozent aufweisen. Mit jährlichen Forschungsausgaben von über 6 Milliarden Euro und etwa 35.000 F&E-Beschäftigten trägt die Industrie maßgeblich zur Innovationskraft des Landes bei. Rund 87 Prozent der Betriebe sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die gemeinsam die Basis der industriellen Wertschöpfung bilden. 

Die Branche steht jedoch vor wachsenden Herausforderungen: Hohe Energiepreise im internationalen Vergleich, gestiegene Lohnnebenkosten und zunehmende Bürokratielasten belasten die Wettbewerbsfähigkeit. Zusätzlich erschweren handelspolitische Spannungen, staatlich subventionierte Exporte aus Drittstaaten und erhöhte Zölle auf Stahl und Aluminium die internationale Position österreichischer Industrieunternehmen. 

Relevante Problemstellung 

Ziel der BOLD UnConference ist es, für die österreichische Wirtschaft relevante Themen zu bearbeiten und durch innovative Lösungsansätze echten Mehrwert zu schaffen. Internationale BOLD Minds aus verschiedenen Branchen bringen ihre Expertise ein und erarbeiten gemeinsam mit Vertreter:innen der österreichischen Industrie Impulse und Lösungen für die großen Herausforderungen. 

Auf Basis von Marktrecherchen, aktuellen Daten und Gesprächen mit Unternehmer:innen sowie Expert:innen wurde eine Problemstellung formuliert, die im Rahmen der BOLD UnConference bearbeitet wurde. 

Die Industrie steht an einem entscheidenden Wendepunkt: Der Übergang zu klimaneutralen Produktionsweisen erfordert tiefgreifende Veränderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Fossile Energieträger dominieren noch immer große Teile der industriellen Prozesse, während der Druck wächst, Emissionen zu reduzieren und regulatorische Klimaziele einzuhalten. 

Für die österreichische Industrie verschärfen standortspezifische Faktoren den Handlungsdruck. Strom ist im Vergleich zu den USA drei- bis viermal teurer, die Lohnkosten sind in den vergangenen vier Jahren stark gestiegen, und die Erfüllung bürokratischer Auflagen verursacht jährliche Zusatzkosten in zweistelliger Milliardenhöhe4. Gleichzeitig sind hohe Zukunftsinvestitionen nötig, etwa in die Verteilnetze und in das Übertragungsnetz. Positiv wirkt, dass sich die Zahl der Erneuerbaren-Energiegemeinschaften binnen eines Jahres von rund 1.000 auf mehr als 3.000 erhöht hat. Planungs- und Genehmigungsbeschleunigung sowie verlässliche Rahmenbedingungen bleiben zentrale Hebel. (industrie aktuell, 02/2025)

Vor diesem Hintergrund stellt sich die zentrale Frage für den Standort: Wie gelingt die Elektrifizierung und Integration grüner Energie in der industriellen Produktion so, dass Klimaneutralität erreicht wird und gleichzeitig Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit erhalten bleiben. 

Daraus abgeleitet wurde im Rahmen der BOLD UnConference an folgender Problemstellung gearbeitet: 

Wie können wir in der Industrie durch Elektrifizierung und die Integration grüner Energie eine klimaneutrale Produktion realisieren, ohne Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit zu gefährden?

Lösungsansätze und Impulse 

Um die Industrie auf Klimaneutralität auszurichten, braucht es zweierlei: kurzfristig einsatzfähige Maßnahmen mit messbarem Effekt sowie langfristige, transformative Weichenstellungen. 

7 Praxisnahe Lösungsansätze und Impulse

Bereits heute zeigen konkrete Technologien und Pilotprojekte, wie Industrieunternehmen Emissionen senken und erneuerbare Energien in ihre Produktion integrieren können. 

  1. Hochtemperatur-Wärmepumpen für Prozesswärme: Elektrische Großwärmepumpen heben Abwärme oder Umweltwärme auf Prozessniveau und ersetzen fossile Kessel für Heißwasser, Niederdruckdampf und Trocknungsprozesse.
  2. Elektrifizierte Hochtemperatur-Prozesswärme: Rotodynamische Elektroerhitzer ermöglichen direkte elektrische Prozesswärme bis in den Bereich von Stahl- und Zementöfen und ersetzen Gas- oder Kohlefeuerungen in harten Temperaturbereichen.
  3. Hochspannungs-Elektrodenkessel für Prozessdampf: E-Boiler liefern schnell regelbaren Dampf bis in hohe Drücke, nutzen günstige Strompreissignale, vermeiden lokale Emissionen und lassen sich in bestehende Dampfsysteme integrieren.
  4. Schwimmende Photovoltaik auf Werksbecken und Baggerseen: Floating-PV erschließt Industriewasserflächen für Eigenstrom, senkt Verdunstung und kombiniert sich mit Speichern oder Power-to-Heat.
  5. Lastverschiebung und Vermarktung von Flexibilität: Elektrische Dampferzeuger, Wärmepumpen und Speicher werden über Energieleitsysteme und virtuelle Kraftwerke am Strommarkt flexibilisiert. Industrielasten erbringen Regelleistung, reduzieren Spitzen und nutzen Preisspreads zur Kostensenkung.
  6. Industrielle Power-to-Gas-Anlagen (Wasserstoff oder Methan): Anlagen, die überschüssige erneuerbare Energie nutzen, um Wasserstoff oder erneuerbares Methan zu erzeugen – ideal als saisonaler Energiespeicher oder als Prozessgas für Stahl, Chemie oder Zement.
  7. Vehicle-to-Grid (V2G) für Logistikflotten: Elektrofahrzeuge in industriellen Logistik- oder Firmenflotten liefern Strom zurück ins Netz oder in die Produktion, wenn der Betrieb läuft, und fungieren so als mobile Speicher. 

Visionäre Lösungsansätze und Impulse

Im Zuge der BOLD UnConference 2025 wurden gemeinsam von nationalen und internationalen BOLD Minds sowie österreichischen Unternehmensvertreter:innen ein Zukunftsbild der Tourismusbranche gezeichnet und damit verbunden visionäre Lösungsansätze und Impulse erarbeitet.

Wie wird die Industrie im Jahr 2040 aussehen? Mit welchen Zukunftsrealitäten werden produzierende Unternehmen im Jahr 2040 konfrontiert sein?

Im Jahr 2040 wird die Industrie auf einem intelligent vernetzten, dezentralen Energiesystem basieren, das durch Kreislaufdenken, flexible Regulierung und datengetriebene Effizienz geprägt ist. Energie wird dort erzeugt und gespeichert, wo sie gebraucht wird – durch Smart Grids, neue Speichertechnologien und die Rückführung überschüssiger Energie – während Bildung, technologische Offenheit und gesellschaftliche Akzeptanz entscheidend für eine nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit werden.

Wie wird ein Industrieunternehmen in Österreich im Jahr 2040 aussehen? Welches Wertangebot kann ein Unternehmen bieten?

Im Jahr 2040 bieten Industrieunternehmen ganzheitliche, zirkuläre und energieeffiziente Lösungen an, die Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit vereinen. Ihr Wertangebot basiert auf der Nutzung von Reststoffen und CO₂ zur Produktion von Wasserstoff, der Wiederverwendung von Materialien wie Stahl, lokal gesicherten Lieferketten und transparent zertifizierter „Trusted Green Energy“. Durch Kooperationen im europäischen Ökosystem, offene Testumgebungen für Startups und flexible Energienutzung stärken sie Innovation, regionale Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Wie kann ein/e Unternehmer:in dieses Wertangebot bis zum Jahr 2040 zusammenstellen? Welche Kompetenzen, Technologien und Partnerschaften werden dafür benötigt?

Bis 2040 bauen Industrieunternehmen Wettbewerbsfähigkeit durch grüne Innovation, Transparenz und Kreislaufdenken auf. Sie integrieren Abfallströme in die Wertschöpfung, nutzen direkte Energieverbindungen zu Kraftwerken und setzen Blockchain für Nachverfolgbarkeit und CSR-Vergleiche ein. Forschung, datenbasierte Entwicklung und eine mutige Zukunftsvision werden zur Basis, um neue Fachkräfte anzuziehen und nachhaltige Partnerschaften mit Energieanbietern, Technologieentwicklern und der Forschung zu schaffen.

Conclusio & Ausblick 

Die österreichische Industrie steht bei der Transformation zu klimaneutraler Energieversorgung und Produktion vor einer historischen Weichenstellung. Die Integration erneuerbarer Energien eröffnet Chancen, Emissionen zu reduzieren, Kosten langfristig zu stabilisieren und neue Wertschöpfungsketten aufzubauen. Gleichzeitig bleiben die Rahmenbedingungen herausfordernd: hohe Energiepreise, komplexe Auflagen und milliardenschwere Investitionen in Netze, Speicher und Technologien. 

Externe Faktoren wie internationaler Wettbewerbsdruck und geopolitische Spannungen erhöhen zusätzlich die Komplexität. Wer zu zögerlich agiert, riskiert im globalen Vergleich zurückzufallen. Zugleich müssen Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern und in einem Umfeld steigender Kosten vorsichtig planen. 

Entscheidend ist ein mutiger, aber gezielter Umbau: Technologieoffenheit, schnelle Genehmigungen und verlässliche Rahmenbedingungen sind ebenso wichtig wie die Nutzung innovativer Lösungen. Projekte wie industrielle Power-to-Gas-Anlagen, Floating-PV oder Graphen-Superkondensatoren zeigen, dass Klimaneutralität und Versorgungssicherheit vereinbar sind. 

Insgesamt eröffnet der Umbau Österreich die Chance, seine Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern und zugleich als Vorreiter für grüne Technologien sichtbar zu werden. 

Weiterführende Ressourcen

Weiterführende Ressourcen die Unternehmen am Weg in die Zukunft helfen können.

 

Plattform Industrie 4.0

Die Plattform Industrie 4.0 macht modernste Digitalisierung für Betriebe nutzbar, indem sie Trends bündelt, Best Practices sichtbar macht und Unternehmen dabei unterstützt, innovative Technologien schneller und sicher in der Produktion einzusetzen.

 

Fraunhofer

Fraunhofer mit dem Center für Nachhaltige Produktion und Logistik unterstützt Unternehmen dabei, Wertschöpfungsprozesse durch anwendungsorientierte Forschung im Bereich Positive Impact Production nachhaltig, digital und wettbewerbsfähig zu gestalten.

 

AI5Production

European Digital Innovation Hubs (EDIH) wie AI5Production treiben die digitale Transformation von produzierenden Unternehmen voran.

 

Innovationsimpulse aus der Innovation Map 

Innovative Technologien aus der Innovation Map der WKÖ geben wertvolle Anstöße für eine klimaneutrale Industrie. Sie verdeutlichen, wie bahnbrechende Ansätze Energieversorgung, Effizienz und Nachhaltigkeit langfristig transformieren können. 

Graphene Supercapacitors (Graphen-Superkondensatoren) 

Graphen-Superkondensatoren kombinieren außergewöhnliche elektrische Leitfähigkeit, hohe Speicherkapazität und schnelle Lade-Entladezyklen. Für die Industrie bedeutet das: Maschinen, Produktionsanlagen und ganze Fabriken könnten künftig mit stabilen, schnell verfügbaren Energiespeichern betrieben werden. In Kombination mit erneuerbaren Energien wie Solar- oder Windkraft können Lastspitzen effizient abgefangen, Produktionsstillstände verhindert und die Abhängigkeit von fossilen Backup-Systemen reduziert werden. Damit eröffnet die Technologie eine neue Dimension an Versorgungssicherheit bei gleichzeitigem Klimaschutz. 

Mehr zu dieser und weiteren Technologien findet man auf der Website der Innovation Map