© Toni Eskelinen

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Kreislaufwirtschaft & Neue Materialien in der Industrie

Kreislaufwirtschaft & Neue Materialien in der Industrie

Wie können wir in der Industrie durch erneuerbare Rohstoffe und intelligente Materialnutzung zukunftsfähige Wertschöpfungsketten schaffen und Zirkularität vorantreiben? - dieser Problemstellung widmeten sich internationale BOLD Minds mit lokalen Teilnehmer:innen aus Salzburg, Tirol und Vorarlberg, um ein Zukunftsbild zu schaffen und Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Fokusthema Kreislaufwirtschaft & neue Materialien

Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Materialien gewinnen stark an Bedeutung. Ziel ist der Wandel von einem linearen Wirtschaftsmodell hin zu einem ressourcenschonenden, zirkulären Ansatz, der ökologische Vorteile wie beispielsweise weniger Abfall und reduzierte Emissionen mit ökonomischen Chancen verbindet. Dabei fließen recycelbare, recycelte, biobasierte und innovative Materialien von Beginn an ins Produktdesign ein. 

Darüber hinaus können durch verstärktes Recycling, Wiederverwendung und nachhaltige Materialwahl Importabhängigkeiten verringert und Versorgungssicherheit gestärkt werden. Neue Geschäftsmodelle wie Refurbishing, Sharing-Plattformen oder servicebasierte Angebote eröffnen zusätzliche Einnahmequellen und erhöhen die Resilienz gegenüber globalen Lieferkettenrisiken. 

Die Branche erzielt bereits heute über 4 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und fast 49.000 Arbeitsplätze. Österreich gehört mit einer Recyclingquote von 62,5 Prozent zu den EU-Vorreitern. (ARA, Kreislaufwirtschaft Österreich 2024)

Obwohl in den letzten Jahren schon große Fortschritte erzielt wurden,  bestehen weiterhin Herausforderungen beim Recycling komplexer Materialien. Zugleich eröffnen regulatorische Anreize, technologische Innovationen und wachsendes Nachhaltigkeitsbewusstsein große Chancen, Österreichs Position als Vorreiter im Bereich Zirkularität auszubauen, sofern Bürokratie und hohe Energiepreise nicht zum Innovationshemmnis werden.

© BOLD Community

Die Sparte Industrie

Die Industrie ist fest in der österreichischen Wirtschaftsstruktur verankert. Mehr als 450.000 Menschen sind in industriellen Unternehmen beschäftigt, die eine Exportquote von rund 66 Prozent aufweisen. Mit jährlichen Forschungsausgaben von über 6 Milliarden Euro und etwa 35.000 F&E-Beschäftigten trägt die Industrie maßgeblich zur Innovationskraft des Landes bei. Rund 87 Prozent der Betriebe sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die gemeinsam die Basis der industriellen Wertschöpfung bilden. 

Die Branche steht jedoch vor wachsenden Herausforderungen: Hohe Energiepreise im internationalen Vergleich, gestiegene Lohnnebenkosten und zunehmende Bürokratielasten belasten die Wettbewerbsfähigkeit. Zusätzlich erschweren handelspolitische Spannungen, staatlich subventionierte Exporte aus Drittstaaten und erhöhte Zölle auf Stahl und Aluminium die internationale Position österreichischer Industrieunternehmen. 

Relevante Problemstellung 

Ziel der BOLD UnConference ist es, für die österreichische Wirtschaft relevante Themen zu bearbeiten und durch innovative Lösungsansätze echten Mehrwert zu schaffen. Internationale BOLD Minds aus verschiedenen Branchen bringen ihre Expertise ein und erarbeiten gemeinsam mit Vertreter:innen der österreichischen Industrie Impulse und Lösungen für die großen Herausforderungen. 

Auf Basis von Marktrecherchen, aktuellen Daten und Gesprächen mit Unternehmer:innen sowie Expert:innen wurde eine Problemstellung formuliert, die im Rahmen der BOLD UnConference bearbeitet wurde. 

Die Industrie ist aktuell mit einem schwierigen Umfeld konfrontiert. Weltweit belasten fragile Lieferketten, schwächere Nachfrage und zunehmende handelspolitische Spannungen die Planungssicherheit. In Österreich verschärfen zusätzlich hohe Energiepreise, steigende Lohnkosten, bürokratische Auflagen und fehlende langfristige Entlastungsmaßnahmen den Wettbewerbsdruck. Unterschiedliche technische Standards und aufwändige Zulassungsverfahren im Binnenmarkt führen zu weiteren Hürden im internationalen Geschäft. 

Besonders drängend sind die Herausforderungen im Bereich Rohstoffe und Materialien. Österreichs Industrie ist in hohem Maße von Importen abhängig, während Preise für Rohstoffe und Energie stark schwanken und geopolitische Entwicklungen die Versorgungssicherheit gefährden. Zugleich steigen die regulatorischen Anforderungen an Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz. 

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Umstellung auf erneuerbare Rohstoffe, kreislauffähiges Design und intelligente Materialnutzung strategische Bedeutung. Eine konsequente Kreislaufwirtschaft kann Kostenrisiken mindern, Abhängigkeiten von Importen reduzieren und die Resilienz gegenüber globalen Störungen erhöhen. Geschlossene Stoffkreisläufe stärken somit nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit, sondern eröffnen auch neue Chancen für nachhaltiges Wachstum. 

Daraus abgeleitet wurde im Rahmen der BOLD UnConference an folgender Problemstellung gearbeitet: 

Wie können wir in der Industrie durch erneuerbare Rohstoffe und intelligente Materialnutzung zukunftsfähige Wertschöpfungsketten schaffen und Zirkularität vorantreiben?

Lösungsansätze und Impulse 

Um die Industrie fit für eine zirkuläre Zukunft zu machen, braucht es sowohl kurzfristig umsetzbare als auch langfristig visionäre Ansätze, die erneuerbare Rohstoffe, innovative Materialien und intelligente Nutzungskonzepte in den Mittelpunkt stellen. 

8 Praxisnahe Lösungsansätze und Impulse

Kurzfristig umsetzbare Maßnahmen können Industriebetrieben helfen, Zirkularität sofort messbar zu steigern und Kostentreiber wie Material- und Energieeinsatz zu reduzieren. Nachfolgend praxiserprobte Anwendungsfelder mit bestehenden Beispielen. 

  1. Digitale Produktpässe für Rückverfolgbarkeit und Recyclingfähigkeit: Piloten in den EU-Wertschöpfungsketten Elektronik, Batterien und Textil zeigen, wie standardisierte Produktdaten zu Materialmix, Reparatur, Demontage und End-of-Life bereitgestellt werden können, um Kreisläufe transparenter zu gestalten und effektiver zu schließen.
  2. Industrielle Ressourcenvernetzung in Regionen: Reststoffe, Abwärme, Wasser und Nebenprodukte eines Betriebs werden als Input des nächsten genutzt. Das senkt Entsorgungskosten, reduziert Primärrohstoffe und CO₂ und erhöht Versorgungssicherheit im Verbund einer Region, wie seit Jahrzehnten im dänischen Kalundborg praktiziert.
  3. Remanufacturing und Refurbishment auf Werksniveau: Rücknahme, Demontage, Prüfung und Wiederaufbereitung von Komponenten auf Serienstandard verlängern Produktlebenszyklen und sparen Material.
  4. Chemisches und enzymatisches Recycling für schwer recycelbare Polymere: Für Mischkunststoffe oder kontaminierte Ströme ergänzen Depolymerisation und lösemittelbasierte Verfahren das mechanische Recycling. Enzymatische PET-Rezyklierung ermöglicht Faser-zu-Faser-Kreisläufe im Textilbereich und erweitert Rohstoffquellen für Rezyklate.
  5. Product-as-a-Service für industrielle Infrastruktur: Infrastrukturleistungen werden als Service angeboten, statt über den Verkauf von Produkten. Ein Beispiel ist Beleuchtung, die mit modularen, austauschbaren Komponenten betrieben wird. Dieses Modell erleichtert Rücknahme und Wiederaufbereitung, senkt den Energieverbrauch und verlagert den Fokus von Produktverkauf auf Leistungserbringung.
  6. RFID-gestützte Mehrweg-Transportverpackungen: Wiederverwendbare Ladungsträger und Kisten werden mit RFID (Radio-Frequency Identification, eine Technologie zur kontaktlosen Erfassung per Funk) erfasst, was Verluste reduziert, Umläufe beschleunigt und Reinigungs- sowie Reparaturzyklen steuert.
  7. Closed-Loop-Aluminium und Schrott-zu-Produkt-Programme: Der Einsatz von Recyclingaluminium senkt den Energiebedarf gegenüber Primäraluminium um rund 95 Prozent und reduziert Emissionen deutlich.
  8. Regionale Mikro-Recycling und Reparaturhubs: Dezentral aufgebaute Hubs für Demontage, Sortierung und Wiederaufarbeitung verkürzen Wege, erschließen lokale Sekundärrohstoffe und binden Serviceerlöse in der Region.  

Visionäre Lösungsansätze und Impulse

Im Zuge der BOLD UnConference 2025 wurden gemeinsam von nationalen und internationalen BOLD Minds sowie österreichischen Unternehmensvertreter:innen ein Zukunftsbild der Industrie gezeichnet und damit verbunden visionäre Lösungsansätze und Impulse erarbeitet.

BOLD Visionary Future 2040 Wie wird die Industrie im Jahr 2040 aussehen? Mit welchen Zukunftsrealitäten werden produzierende Unternehmen im Jahr 2040 konfrontiert sein?

Im Jahr 2040 ist die Industrie durch modulare, datenbasierte und zirkuläre Systeme geprägt. Unternehmen nutzen Synergien über Branchen hinweg, setzen Biomasse und natürliche Prozesse effizient ein und gestalten Produktionsketten als geschlossene Kreisläufe von „Reuse – Recycle – Reduce“. Erfolg beruht auf Kooperation statt Konkurrenz, da Daten, Ressourcen und Infrastruktur geteilt werden. Regulierung dient nicht länger als Hemmschwelle, sondern als Innovationsmotor – differenziert nach Unternehmensgröße und Wettbewerbsfähigkeit. Flexibilität, Agilität und die Fähigkeit, vorhandene Daten sinnvoll zu nutzen, werden zu den zentralen Kompetenzen einer widerstandsfähigen, zukunftsorientierten Industrie.

Wie wird ein Industrieunternehmen in Österreich im Jahr 2040 aussehen? Welches Wertangebot kann ein Unternehmen bieten?

Im Jahr 2040 schaffen Industrieunternehmen in Österreich durch echte Kostentransparenz, zirkuläre Wertschöpfung und datenbasierte Entscheidungen einen klaren Wettbewerbsvorteil. Besonders im Bauwesen liegt der Fokus auf der Nutzung bestehender Strukturen statt Abriss und Neubau – unterstützt durch ganzheitliche Analysen, biobasierte Materialien und geschlossene Recyclingkreisläufe. Der Schlüssel liegt darin, wissenschaftliche Lösungen skalierbar und profitabel zu machen: Unternehmen fungieren als Brückenbauer zwischen Forschung, Markt und Politik. Durch flexible Geschäftsmodelle, die Reduktion statt Perfektion fördern, wird Nachhaltigkeit zum realen Business Case – bezahlbar, anwendbar und wirtschaftlich tragfähig. 

Wie kann ein/e Unternehmer:in dieses Wertangebot bis zum Jahr 2040 zusammenstellen? Welche Kompetenzen, Technologien und Partnerschaften werden dafür benötigt?

Bis 2040 entsteht eine zirkuläre Industrie, die durch offene Datenplattformen, modulare Projekte und Impact Reports Transparenz und Skalierbarkeit schafft. Interdisziplinäre Zusammenarbeit, Robotik und bioinspirierte Innovationen bilden die Basis für nachhaltige Wertschöpfung und echte Wettbewerbsfähigkeit. 

Conclusio & Ausblick

Die Kombination aus Kreislaufwirtschaft und innovativen Materialien eröffnet der Industrie in Österreich ein enormes Potenzial, um Wertschöpfung nachhaltiger und resilienter zu gestalten. Durch geschlossene Materialkreisläufe, eine intelligente Rohstoffnutzung und den Einsatz zukunftsweisender Technologien können ökologische Ziele und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit miteinander vereint werden. 

Trotz dieser Chancen bleibt die Branche mit strukturellen Herausforderungen wie hohen Energiepreisen, komplexen Genehmigungsverfahren und globalen Wettbewerbsverschiebungen konfrontiert. Diese Faktoren verlangsamen die Umsetzung neuer Konzepte und erschweren Investitionsentscheidungen. Gleichzeitig steigt der Druck, sich an internationale Nachhaltigkeitsstandards und zunehmend strengere regulatorische Rahmenbedingungen anzupassen. 

Langfristig bietet der Wandel hin zu zirkulären Wertschöpfungsmodellen jedoch eine klare Perspektive: Wer frühzeitig in innovative Technologien, neue Geschäftsmodelle und sektorübergreifende Kooperationen investiert, kann nicht nur eigene Kosten senken und Abhängigkeiten reduzieren, sondern auch neue Märkte erschließen. Die Industrie steht damit vor der Chance, ihre Position als Leitbranche in einer klimaneutralen Wirtschaft zu festigen und als Impulsgeber für nachhaltiges Wachstum zu wirken.

Weiterführende Ressourcen

Weiterführende Ressourcen die Unternehmen am Weg in die Zukunft helfen können.

 

Plattform Industrie 4.0

Die Plattform Industrie 4.0 macht modernste Digitalisierung für Betriebe nutzbar, indem sie Trends bündelt, Best Practices sichtbar macht und Unternehmen dabei unterstützt, innovative Technologien schneller und sicher in der Produktion einzusetzen.

 

Fraunhofer

Fraunhofer mit dem Center für Nachhaltige Produktion und Logistik unterstützt Unternehmen dabei, Wertschöpfungsprozesse durch anwendungsorientierte Forschung im Bereich Positive Impact Production nachhaltig, digital und wettbewerbsfähig zu gestalten.

 

European Digital Innovation Hubs (EDIH) wie AI5Production treiben die digitale Transformation von produzierenden Unternehmen voran.

 

Innovationsimpulse aus der Innovation Map 

Innovative Technologien aus der Innovation Map der WKÖ geben wertvolle Anstöße für eine klimaneutrale Industrie. Sie verdeutlichen, wie bahnbrechende Ansätze Energieversorgung, Effizienz und Nachhaltigkeit langfristig transformieren können. 

Carbon Cement Supercapacitor 

Der Carbon Cement Supercapacitor kombiniert Zement, Wasser und leitfähigen Kohlenstoff zu einem Bauteil, das elektrische Energie wie ein Superkondensator speichern kann. In der Industrie könnten daraus beispielsweise Fabrikböden, Wände oder Fundamente gefertigt werden, die gleichzeitig tragende Strukturen und dezentrale Energiespeicher sind. So lässt sich erneuerbarer Strom aus Photovoltaik- oder Windanlagen direkt vor Ort puffern, Lastspitzen glätten und der Eigenverbrauch erhöhen. Modular gefertigte Elemente können am Ende ihrer Nutzung sortenrein getrennt oder wiederverwendet werden, was Materialkreisläufe stärkt und den Rohstoffbedarf reduziert. 

Mehr zu dieser und weiteren Technologien findet man auf der Website der Innovation Map